




HACKESPITZETORSTRASSE Südfassaden Navigation
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Berlin ist die Stadt der Kiezkultur. Schick in Charlottenburg. Trendy in Mitte. Familiär und fashionable im Prenzlauer Berg. Die Torstraße liegt zwar in Mitte, will sich aber nicht so ganz dem durchdesignten Casting-Chic der Kastanieallee, geschweige denn dem hochbepreisten Galerien-Glamour rund um die August- und Linienstraße fügen. Ebenso wenig dem touristisch überfüllten Oranienburger Straßengetümmel. Torstraße bleibt Torstraße. Ehrlich und direkt. Die Torstraße hat von jedem was und für alle was. Zugleich bleibt sie mit allerlei Bausünden, Sanierungsbedarf und vierspurigem Straßenverkehr ungeschminkt. Diese Ehrlichkeit befreit und lässt Raum für die Liebe zum Detail. Shabby Chic, Schönheit hinter Ruinen, graue Fassaden, bunter Kern: Die Torstraße ist wohl eine der vielseitigsten und polarisierndsten Straßen der Hauptstadt. Hier trifft der Alte Fritz auf „Muschi Obermeier“, die digitale Boheme grüßt den Waschsalon, russische Wodka-Trinkhallen begegnen brasilianischen Cocktail-Künstlern, vietnamesische Gemüsehändler bieten italienischen Feinkostfabrikanten die Nachbarschaft an und 24-Stunden-Döner machen französischer Finesse Konkurrenz. Alles kann, nichts muss. Vieles geht.
Hacke, Spitze, Torstraße nimmt die kulinarische Vielfalt der Torstraße ins Visier. Alle Straßenkombinationen werden mit vollem Einsatz, Kreativität und Kampfeswillen durchgespielt. Einmal rauf und wieder runter. Südseite, Nordseite. Los geht’s Ecke Chauseestraße, linke Seite, bis zum Rosa-Luxemburgplatz und wieder zurück. Jeder Laden bekommt seine Chance. Vorspeise, Hauptspeise, Nachspeise. Im Gepäck: ein leerer Magen, Gier auf neue Eindrücke, ein Fotoapparat.
Orientierungshilfe
Hacke, Spitze, Torstrasse wird laufend aktualisiert. Sobald eine neue Lokalität besucht wurde stellen wir einen Link über dem besuchten Haus auf der Fassadenseite ein. Du kannst wahlweise virtuell an den Nord- oder Südfassaden entlang schlendern und auf das gewünschte Haus scrollen oder über die obere Navigationsleiste direkt zum gewünschten Haus gelangen.
Klickst Du auf das Haus, gehst Du in das Lokal und damit in den Essay zum Lokal. Wir freuen uns über Kommentare, Tipps, Hinweise, Anregungen, Geschichten und über ein Wiedersehen auf der Torstrasse.
Tim Zuchiatti
Wolliner Straße 66
10435 Berlin
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Eins vorweg: was hier gleich folgt ist eine kleine Lobhudelei. Subjektiv. Überzeugt. Gut gesättigt. Mit Journalismus hat das nix mehr zu tun, denn das Tartane hat mich gleich beim ersten Mal gepackt und verdreht mir die Worte im Mund. Wenn man eintritt, glaubt man es zunächst nicht, denn das Interieur wirkt zunächst um 20 Uhr so, als sei man definitiv 4 oder 5 Stunden zu früh hier. Ein hippe, reichlich bestückte Bar, darum herum: runde Tische mit gerundeteten Stühlen aus Chrom und Leder, allesamt Dinge die mit dem Verweis „Panton-Ära“ auf ebay große Summen erzielen würden, auch wenn sie möglicherweise gar nicht aus dieser Zeit stammen. Eine geschmackssichere Ausstattung, die zuallererst aber nicht Geschmack, sondern eher Durst auf einen Pisco Sour weckt. Das Trinken hier nicht alles ist, verrät vor dem Eingang der kleine Open-Air-Grill auf dem bereits saftige Scampi-Spieße zirkulieren, im hinteren Bereich ist dann das Herz des Ladens zu finden, die offene Grill-Bar. Hier wird das gegart, was später den Gaumen Purzelbäume, den Magen arbeiten und die Geschmackssinne tänzeln lässt. Und man kann schnuppern, zugucken und staunen.
Gleichzeitig kann man sich freuen, dass das Publikum nicht ganz so hip daher kommt wie das Interieur. Ein schöner Mix aus Familientreffen mit Kinderecke, Bon-Vivants und Schlendrianen. Das fühlt sich gut an.
“Monthly BBQ-Angebote“ kommen auf einem einfachen Fax-Papier von den allesamt herzergreifend sympathischen Damen des Ladens daher geflattert. Das scheint zunächst ziemlich unromantisch zu sein, was einen da erwartet. Thüringer Bratwurst, Steaks, Tapas, Quesadillas und vor allem: Burger-Variationen – Basic-, Classic-, Lamb- und Veggie-Varianten buhlen hier um die Gunst der leeren Mägen.
Ich hatte an diesem Abend das Vergnügen mit meinem Freund TimW, mit dem ich mich sonst nur in Weddinger Proberäumen tummelte, (http://www.myspace.com/wildbadkreuth) zu speisen. Er entschied sich zielstrebig für das Lamm-Gebilde. Meine Blicke zielten eher auf die Tafel als auf das Burger-Fax. Hier wird alltäglich frische Kost à la „Vorspeise, Hauptspeise, Nachspeise“ angeboten. Man hat die Wahl ob man einzelne Elemente verkosten möchte oder gleich das komplette Menü wählt. Bei sagenhaften 16,80 Euro „tutto completto“ fiel die Wahl sehr leicht. Schließlich ist dieser Dreiklang – „das kleine Tartane-Menü“ - ja auch geradezu perfekt gemacht für diesen Blog.
Zu trinken gab es vorab den antialkoholischen „Tartane-Special“. Rhababersaft trifft hier auf Club-Mate (3 Euro). Alle Achtung: Wachmacher, Fruchtbombe und Cool-Downer zugleich. Die Kombi nehme ich auf jeden Fall mit nach Hause. Einzig das Mischverhältnis blieb noch unklar.
1. Gang: Brombeer-Gazpacho mit Dattelspieß
Zu Beginn gleich die Geschmacksbombe. Herrlich fruchtige Tomatensuppe. Perfekt für den Sommer. Mit ordentlich Knoblauch, frischen Kräutern, einem Touch Frucht und vor allem diesen wundersamen von etwas Bacon umhüllten Datteln. Alles zusammen funktionierte als perfekter Kickstart in ein wirklich betörendes Menü. Brot dazu half, wirklich jeden Tropfen dieser Suppe bis zum Ende auszukosten, jeder weitere Nachschlag wäre gern genommen gewesen. Danke, Tartane.
2. Gang: Ingwer-Hähnchenbrust auf Süßkartoffelpüree und frittiertem Manjok
Ja, die Jungs und Mädels aus dem Tartane stehen nicht nur auf schickem Interieur und gut geschnittenen Hemden sondern vor allem auch auf guten ausgewählten wohlklingenden Zutaten. Den Anfang machte die Ingwer-Hähnchenbrust. In dünnen perfekt angebratenen Scheiben wellte sie sich über das Süßkartoffelpüree und bestach durch die ideale Menge an Ingwer, von dem zuviel ja meist dann auch viel zu viel ist. Nein, die Tartane-Crew weiß offenbar was sich gehört und jeder Besucher darf davon profitieren. Frisches Gemüse und das sehr spezielle Manjok machten die Komposition rund. Da verblasste mein anfänglicher Neid auf den mit handgemachten Pommes, selbst gerührtem Dip und imposant aufgetürmten Lamb-Burger meines Gegenübers TimW rasch, auch wenn es nicht nur mit den Tartanern sondern auch mit dieser fleischeslustigen Kombination bestimmt mal ein Wiedersehen geben wird.
3. Gang: Tequila Parfait mit weißen Schokoküchlein, rotem Pfeffer und Melone
Gäbe es einen Preis für den besten Namen eines Gerichts, wäre diese herrliche Nachspeise bestimmt in die engere Auswahl gekommen. Doch die Bezeichnung hielt nicht nur was sie versprach, sondern übertraf dies noch bei weitem. Hier wurde nicht mit guten Namen und gutem Klang kulinarisches Make-Up aufgetragen, sondern es war tatsächlich so gut und sogar noch besser als es vorgab zu sein. Davon musste sich auch TimW nicht lange überzeugen lassen und griff schnell zum zweiten Löffel.
Beide Löffel kreuzten sich fortan über dem auch optisch fantastischen Dessertteller und erfreuten sich an der Kalt-Warm-Kalt-Kombination aus Parfait und Küchlein. Auch der Pfeffer irritierte zwar zunächst, entpuppte sich von Löffel zu Löffel jedoch als perfekt dosierte Zutat. Kurzum: Wir konnten es kaum fassen, was uns da als Nachtisch gereicht wurde, so gut war das alles und wir wollten mehr davon und wiederkommen und uns weiterhin erfreuen. Der Nachtisch wurde so zum mit Abstand überzeugendsten Abschluss den ich seit langem bei meinen vielen kulinarischen Testreihen hatte. Eine schöne Sünde, der man gerne immer wieder verfällt und sich von ihr in seinen Bann ziehen lassen will. Eine rasante Auf- und Abfahrt durch alle erogenen Zonen des Gaumens. Die – so vermute ich – mich nun auch zu dieser subjektiv-säuselnden Lobhudelei ansetzen lässt. Die Tartaner wissen eben wie man es macht. Und sie machen alles richtig. Hoffentlich bleibt es auch so erschwinglich wie es derzeit noch ist. Ein großer Laden auf einer großen Straße.

Da ist er also: Berlins erster Spex-Laden. Während sich damals – als das kluge Popkulturmagazin noch in Köln residierte – in einer Fülle von Läden wie Sixpack oder Hallmackenreuter diskursfreudige Schreiber- und Leser – mit Heft unterm Arm – vereinten, hat es in Berlin eine Weile gedauert. Im Themroc gibt´s jetzt einen Unterschlupf, wo man gerne zusammenkommt und mittlerweile auch eine regelmäsige Spex-Kochreihe ausrichtet: „Being Boiled“. Philosophische Diskurse mit dem sympathischen, verwaschene T-Shirts und Mütze tragenden Bedienungspersonal werden hier allerdings eher auf französisch geführt, denn der Laden ist fest in belgischer Hand. Südseite. Hier wohnen Wallonen. Stilbewusst, detailverliebt, experimentierfreudig. Meine Annahme die Hornbrille und die Adorno-Einstiegslektüre gibt´s am Eintritt gleich gratis entpuppt sich als Schubladendenken. Es säuseln französische Chansoniers. Es empfängt mich eine Mischung aus wohl dosierter Schlichtheit und dezent verbreiteter Wärme. Es brutzelt und duftet bereits – denn gekocht wird im Themroc direkt hinter der Holztheke.
Zur Feier des Tages habe ich mich bei Germanys-Next-Pop-Model Norman Palm eingehakt. Ein kluger Sympathikus. Wir wollen wissen wie die selbst ernannten Situationisten im Themroc so ticken und vor allem wie sie kochen. Norman trägt Hornbrille und Drei-Tage-Bart und er macht tolle Musik. Wir geniesen den Moment. Davon gibt es viele, denn wir lernen schnell, dass Situationisten Zeit gerne Zeit sein lassen.
Zu essen gibt es im Themroc was auf den Tisch kommt. „Alle Gänge oder nur einen?“, lautet die Schlüsselfrage des frankophilen Platzanweisers, der uns den Platz an der Sonne – soll heisen: den einzigen Fensterplatz – ermöglicht. Es ist 19:30 Uhr. Mit einer Mischung aus Schaufenster- und Voyeuristen-Feeling sitzen wir und staunen und atmen das Gefühl im richtigen Laden zur richtigen Zeit zu sein. Joachim Bessing – Popliterat a.D. – ging ja auf Anhieb sogar so weit vom besten Laden Berlins zu sprechen. Er machte damit deutlich woran die Popliteratur anno 2001 krankt(e). Am penetranten Zwang zur Übertreibung. Aber sehr gut ists hier, keine Frage.
Mit Soul in den Ohren entscheiden wir uns für den bewährten Dreiklang aus Vorspeise, Hauptspeise, Nachspeise. Danach wird gewartet. Und geredet. Und getrunken. Pilsner Urquell. Und wieder gewartet. Der Laden füllt sich. Keine Hektik. Irgendwann kommt das Essen.
Die Themrocker machen ernst. „Cuisine“ muss schon sein. Das Warten soll sich schlieslich gelohnt haben. Voilà: Ein pochiertes Ei kommt umgeben von in Rotwein badenden Schalotten. „Oeuf Meurette“ (4 Euro). Das Ganze im schönen weisen Old-School-Geschirr mit dunkelbraunem Rand. Dazu: ein gut gebräuntes Stück Kräuterbaguette. Darauf: ein ordentlich durchgebratener Streifen lupenreinen Specks. Oh la la. Nun gilt es, das Ei leicht zu touchieren, mit Schalotten und warmem Vino zu mischen und einen Fitzel Fleisch hinzuzufügen. Das mundet. Und es mündet im unausgesprochenen Wunsch eines Nachschlags.
Bis es kam, sollten noch einige kräftige Schlücke Pilsner Urquell und Gespräche über Mexiko, Meppen, Mädchen und städtisches Mäandern folgen. Wir haben uns eingelebt hier. Es ist behaglich. Unser Hunger hält Norman und mich nicht davon ab, mit der Gesamtsituation im Grosen und Ganzen zufrieden zu sein. Das Hähnchen „Hähnchen“ zu nennen ist allerdings grob. Wie schon bei den Eiern würde der französische Name dem Hähnchen auch semantisch den Charme geben, den es verdient hätte. Denn um ein schnödes Hähnchen handelte es sich hier keineswegs. Ein kleiner kompakter gut gebräunter Broiler kommt daher, mit Rosmarin gewürzt und mit einer ganz eigenen Masse aus Kalbsfleisch und Pilzen gefüllt. Daran: kleine Zucchini-Quader mit einer leicht sahnigen Sauce und frittierte, selbstverständlich selbstgefertigte Kartoffelplätzchen, für die man den Pommesbudengeruch gerne mal mit nach Hause nimmt. Frische Kräuter rundeten diesen situationistischen Speise-Entwurf (10,50 Euro) ab. Das ist nicht geflunkert, sondern schon nah dran an Kochkunst.
Es ist schon spät. Die Menschen an den Tischen schauen zufrieden drein. Das Essen hat gemundet. Nun wird’s noch mal abgerundet. In kleinen, mit 3,50 Euro etwas überteuerten Gläschen wird Aprikosen-Mascarpone gereicht. Ein schöner Abschluss, der nach drei Löffeln leider viel zu schnell vorbei ist. Trotzdem ein süses Finale eines Abends, der zunächst so verlief als könnte es gar kein Finale vor Mitternacht geben. Aber auch eines Abends, der uns zum lebendigen Teil eines Ladens gemacht hat. Ganz so als würde der beste Freund von nebenan heute mal etwas ganz besonderes zaubern. Der Preis der Freundschaft blieb zunächst verborgen. Er offenbart sich auf der am Ende stilecht auf Papierserviette gefertigten Rechnung. Ganz so günstig wie angenommen und von Freunden propagiert ist das dann alles doch nicht. Steigt das Hipness-Thermometer, steigt offenbar auch schnell die Preiskurve. Trotzdem: was bleibt ist Wärme und Herzlichkeit und ein französischer Akzent und eine gute Idee und die Spex in der Tasche und die feste Überzeugung dass die Themrocker und auch Norman „the next big thing“ sind oder werden könnten – vorausgesetzt die Situation lässt es zu.

Toca Rouge also – nicht Moulin Rouge, auch wenn die violette Schrift auf schwarzem Grund plus Name mich gedanklich zunächst in Richtung Rotlichtmilieu abschweifen lassen. Nix da. Das gibt’s nicht auf der Torstraße und Toca Rouge ist ohnehin das komplette Gegenteil.
Kein schummriges Licht, alles ist sichtbar, keine falschen Versprechen. „Toca“ – was auch immer das heißen soll - steht für die totale Transparenz. Auf geschätzten 18 Quadratmetern gibt´s Gutes für alle Sinne. „fine food“ versprechen die jungen Macher. Mal sehen. In Sachen Zubereitung lassen die asiatischen Twentysomethings auf jeden Fall sehr offensiv die Hüllen fallen. Die Küche befindet sich im Lokal. Offene Flamme, jede Menge Woks, eifrige Hände, das Personal legt sich ins Zeug. Es scheppert, klappert, brutzelt, zwischendurch wird geschnippelt oder auch mal etwas flambiert, man weiß also was später auf dem eigenen Teller landet. Ich weiß dies zu schätzen.
An den Tischen sitzen die Frisuren mindestens so gut wie die Namen der Speisen. Wer will schon Chop Suey oder Curry Massaman, wenn „red black honey girls“ oder „crazy orange chicken“ einem entgegentreten? Sowieso. Der Laden – ich wusste nicht, dass man so viele Styles auf so engem Raum kicken kann. Rot weiße Wandflächen hinter weißen Tischen mit rot weißen Tischen und ohne Schnickschnak. Designer-Glaskugellampen werfen schönes Licht und eine Blume für den gesamten Raum. Asiatische Askese, die gefällt.
Das asiatische Personal ist komplett in schwarz gekleidet, drei Herren und eine junge Dame die sich ein „Emily the strange“ Leibchen übergeworfen hat: „Emily is happy to be mad“. Gut. Geschmacksache. Aber in diesem Kontext hat das was. Trotz aller Aufgeräumtheit hat der Laden eine Prise Crazyness. Eigentlich habe ich den ganzen Abend nur darauf gewartet, dass irgendein Mitte-Kosmopolit aufspringt, den ganzen Laden in die Luft jagt oder alles irgendwann als Filmkulisse enttarnt wird. Stattdessen aber philosophieren zwei Damen, die aufgrund der Enge des Raumes sehr nebenan von uns sitzen über das alte Spiel des Verlassens und Verlassen-Werdens, die Männer und das Leben als solches, werfen Catfish Happen zwischendurch ein und lamentieren weiter.
Ein Blick auf die zwei unprätentiösen kopierten Din A 4 Seiten, die hier als Speisekarte unter das Mitte-Volk geworfen werden. Ziel anvisiert: Hinein in die Suppe, hinein in den „green-white-pool“.
Ja, ja, diese Namen, man hat nicht nur das Gefühl das die Augen, sondern auch die Assoziationen mitessen. Green white pool: das steht also für Suppe. Klar: Pool, eben. White steht für chinesischen Reiskuchen. Dünne Scheiben, die man auf deutsch vielleicht als Knödel-Essenz oder ähnliches verrücktes bezeichnen würde. Geschmacklich irgendwo zwischen Germknödel und Tofu. Grün hingegen steht für Wasserspinat. In China wird dieser angeblich als eine Hauptfutterpflanze für die Schweinezucht verwendet. Aha. Gepaart wurde er in dieser Suppenkreation mit ein paar Algenstreifen, die der Suppe etwas fischiges verliehen sowie mit Gemüse und dünnen Ingwer-Streifen. Insgesamt eine sehr klare Speise, die mich zunächst – auch aufgrund des etwas maritimen Geruchs – in Meerassoziationen abtauchen ließ. Löffel für Löffel gewöhnten sich allerdings Gaumen und Geist an diese wirklich sehr besondere Kreation. 2,50 Euro waren es auf jeden Fall wert, den Pool mal auszuchecken. Die Hosen runterlassen würde ich allerdings für diese Suppe nicht. Aber immerhin diente die Suppe sich aus dem Toca über die Tor nach Taiwan zu manövrieren und sich den Berliner Asphalt für eine Weile aus dem Hirn zu löffeln.
Wieder so ein Name. Mit Miami Vice kokettierend, auf ein Wettspiel verweisend, sich aber auf Asien beziehend. Nun denn, wenn panasiatische Kost die Phantasie so sehr beflügelt, wieso gibt es dann überhaupt noch bewusstseinserweiternde Drogen? Oder aber: inwieweit hatten bewusstseinserweiternde Drogen Einfluss auf die Namensgebung? Antworten blieben mir der smarte, gefühlt 22-jährige Betreiber und die ebenso bizarr bezaubernde Emily-Dame schuldig. Der Teller (7,50 Euro) verlieh dem vielseitig interpretierbaren Namen eine neue Note und gab ihm ein klares Gesicht. Süßes, klein gehobeltes gut gebratenes aber nicht überbratenes Rindfleisch mit überraschend geil daherkommenden Birnenstücken und grob gewürfelten sehr konsistenten Möhrenwürfeln. Letztere setzten große Effekte und führen wohl jetzt immer dazu, dass ich die guten alten Rüben daheim nur noch halb so lange wie vorgeschrieben garen werde. Großer Knabberspaß. Ein wirklich gelungener Mix. Ein bisschen weniger Soja-Soße und das Ding wäre perfekt gewesen. Trotzdem nahm die Messer-Gabel-Kombination an Fahrt auf, nicht immer die auf der Zunge-zergehen-lassende Tester-Nummer war jetzt angesagt. Speed. Hunger. Sich fallenlassen. Mann war das lecker, da können sich einige der unzähligen Asia-Bratstuben mal schön hinten anstellen. Die Toca-Posse ist nicht nur smart und cool, sondern vor allem auch gut. Alles im gewohnten Laden-Corporate-Design serviert, so dass auch das Auge erneut auf seine Kosten kommt. Das wirkte noch nicht mal aufgesetzt, wie so oft in diesen auf das neue moderne Leben verweisenden Läden. Und auch der Magen füllt sich so dermaßen, dass kaum noch Platz lässt für Gang drei. Aber: keine Ausreden, das System lässt keine Wahl, die Torstraße ist mindestens so hart wie die Möhren im Essen. Aber wer kann bei dieser Namensgebung denn widerstehen.
Erneut dieses komisch blöde Film-, Titty-Twister-Taratino-Streifen Gefühl. Weg damit. Sticky Orange Love (2,50 Euro), das macht aus dem Toca dann doch kurzerhand die Moulin Rouge Bar. Die Beschreibung verspricht Tangwang in süßer Orangen-Soße. Emily bringts im erneut sehenswerten, aber diesmal recht unhandlichen Glas-Format. Mit langen Löffeln machen wir uns gleich an die beiden Herzstücke des Desserts: Die Tangwangs. Unklar blieb allerdings bis jetzt, was Tangwang überhaupt heißen soll. Als Band-Name klingt das ziemlich cool. Also, falls noch eine 60s Beatband auf der Suche ist…..Torstraße hilft. Meine Übersetzung siedelt sich erneut im Bereich Germknödel an. Also: kleine handliche Reiskuchenbällchen mit einer Mohnpaste. Mit dem Löffel lässt man diese nun ein paar Mal durch die Orangensauce sausen (wieso heißt das Gericht eigentlich nicht orange-white pool?) balanciert die zwei Sündlinge dann aus dem Glas und lässt sie komplett im Mund verschwinden. Komplett? Anders gings nicht. Versuche die Bällchen zu zermantschen, zerdrücken oder gefühlvoll zu zerkleinern schlugen fehl. Widerspenstige Dinger waren das und alle Ideen führten nur zu einem mohngetränkten black-orange-Disaster plus Teig. Ganz hingegen geben die Dinger dem Gaumen so einiges Gutes, nicht unbedingt so sehr asiatisch, besser wohl zum frisch flambierten nyc cake passend, der auf der Tageskarte offeriert wurde, auf den wir aber verzichteten. Okay, man ist eben Kosmopolit in diesen Zeiten, die Globalisierung undsoweiter undsofort. Hauptsache es schmeckt und gegessen wird sowieso was auf den Tisch kommt – oder wie war das noch mal im der Ball-ist-rund-Seminar der unnützen Weisheiten?
Am Ende bleibt auf jeden Fall die Gewissheit wiederkommen zu wollen. Allein schon wegen der Freude die alle dort haben, Leute zu erfreuen, die sich an Essen und kleinen Details erfreuen. „Szene kommt hier immer“, eröffnet mir noch der liebenswerte asiatische Conceptioner, mit einer Prise Stolz, die er gerne haben darf und dass er plane weitere Lokale an anderen, besseren Adressen zu eröffnen. Da rebellierts dann doch insgeheim in mir. Gute Geschäftsidee hin oder her, aber Einzigartigkeit lässt sich schwierig fortpflanzen, mein Lieber und Toca Rouge ist bislang schon ziemlich einzigartig. Und wo soll es denn anderswo sein, als auf der einzigartigen Gemischtwarenladentorstraße. Das ist doch gerade das große daran. Wieder so ein kleiner Juwel - hinter all diesen Fenstern.

Nichts ist so wie es scheint hier. Umzäunt von allerlei Döner-; Pizza-, Falafel-Mief rund um den Rosenthaler Platz reiht sich das „5 Flavor“ in das Häuser- und Küchenensemble an der Tor-Ecke-Brunnenstaße ein. Erster Gedanke: wieder einer von diesen euroasiatischen Schuppen, diesen China-, Thai-, Vietkong-Imbissen, die jegliche ernstzunehmende asiatische Restaurantkultur mittlerweile mit Kampfpreisen und Glutamat-Overkill ertränkt haben. Lange her die Zeiten wo man noch in China-Restaurants pirschte, sieben Köstlichkeiten oder Peking-Ente bestellte und sich einem Hauch der Ferne hingab. Gibt´s ja überall mittlerweile und gibt´s dann auch noch unschlagbar günstig. Nur ohne Aquarium und ohne Glückskekse. 5 Flavor jedenfalls erwies sich als Glücksgriff. Zwar versucht man auch hier die Hostel-Hopper mit ein wenig asiatischer Mischkost zu ergattern, im Zentrum aber steht ganz klar chinesische Hausmannskost und dabei insbesondere: der Feuertopf. So dampft es in jedem Winkel des Restaurants, Köpfe gucken, rühren, suchen, fischen in großen Schalen – Stäbchen only, versteht sich. Wer sich für ein normales Gericht entscheidet, trifft die falsche Entscheidung am falschen Ort, denn hier ist der Feuertopf – eine Art chinesisches Fondue – das Highlight. Dafür sollte man sich schon mal den ganzen Abend freihalten, denn neben kulinarischer Experimentierfreude ist auch eine ganze Stange Zeit erforderlich. Unter zweieinhalb Stunden geht man hier nicht raus. Kein Raum für Hastige. Das macht die Sache extrem angenehm. Während die Massen sich nebenan irgendwelche Esstaschen in ihre Backentaschen quetschen und bei der Bewegung zum Mund noch auf die Uhr linsen, kann man sich hier erstmal zurücklehnen und die Dämpfe auf sich wirken lassen. Unterstützt wird man von der nur 1,40 Meter großen Chefin, die lächelnd und mit vogelgemustertem schwarzen Seidenhemd die großen Töpfe auf die Tische stemmt und jedem uninformierten Gast – da gabs gar nicht mehr so viele wie angenommen – eine kurze Einführung in Sachen Feuertopf gibt. Nachdem die Worte gewechselt und die Infos getauscht waren, konnte es also losgehen.
Wählt man den Feuertopf (14,90 Euro), wählt man auch die freie Auswahl am großen Büffet, des sehr sorgsam von den 5 Flavor-Frauen gepflegt wird. Dazu zählt auch eine kalte, nicht fonduefähige Ecke, die uns kurzerhand als Vorspeisenreservat diente. Während also bereits der Topf in der Mitte auf original chinesischer Kitsch-Heizplatte nach seiner Betriebstemperatur strebte, sorgten die etwas trockenen Sesam-Bällchen mit Mohn-Füllung für Knabberspaß vorab. Sehr viel besser gefielen jedoch die an russische Pelmeni oder polnische Pierogi erinnernden Teigtaschen. Kleine kompakte gekochte Gebilde mit einem aus prägnanten Gewürzen und Hackfleisch bestehenden Innenleben. Ich weiß gar nicht was es genau war, aber die waren gut. Unsere kleine chinesische Connaisseurin legte uns noch die Schweinepfoten ans Herz. „Ein Klassiker in China“. Ein kleiner Test genügte jedoch und ich zeigte der Pfote die kalte Schulter, um mich den warmen Dämpfen zu öffnen.
Zwei Hälften nennt der Topf sein Eigen. Links brutzelt ein Gemisch aus Brühe, Zwiebel, Lauch, Tomate und Bambus – „die normale Seite“. Rechts schießen uns Knoblauch, Chili, Pfeffer, Gewürze und Lauch in die Augen – „die scharfe“. Beide dürsten nach schnell zu garendem Gut. Also hieß es, rasch die Platten am Büffet zu füllen. Alles herrlich dünn und schlank portioniert. Spinat, Gemüse, Champignons, Lamm, Rind, Rotbarsch, Scampi, Algen, Fischbällchen, Kartoffeln, Tofu in allen Varianten und und und…. Die Platte füllt sich im Nu. Der Magen langsamer. Gut Ding will Weile haben. Alles schön dezent portioniert. Gut so. Mit Stäbchen geht’s hinein in den Topf, mit einem Sieb befördert man die Dinge wieder aus dem Sud und muss höllisch aufpassen, dass man nicht die Gewürze mit hinausfischt, dann kann man sein Getränk – bei mir wars ein wenig stilechtes großes „Flensburger“ – schon mal auf Ex trinken. Sowieso ist die Schärfe ambitioniert, aber nicht unangenehm. Sie nährt die Vorstellung, was bei chinesischer Hausmannskost so Standard ist. „Spicy“ jedenfalls kann sehr vielseitig definiert werden. Mir gefällt mit der Zeit die Brenn- und Ablösch-Kombination, so dass ich mich oft auf die scharfe Seite schlage.
Ergänzt wird die Speisen-Vielfalt mit leider nur zwei Soßen, eine auf Erdnuss-, die andere auf Tofu-Basis. Als dritte wäre noch ein Knoblauch-Gemisch drin gewesen, aber davon gabs im Topf schon genug. Allesamt okay, die Soßen, aber auf Dauer etwas langweilig, so dass oft auch Sud+Speise die bessere Wahl darstellte. So geht’s dann gute zwei Stunden, auch vier wären drin gewesen – so lange bis der Topf ausgedampft hat. Tofu und Rind und scharfe Champignons machten - nachdem alles durchprobiert wurde - das Rennen. Und natürlich diese Riesengarnelen, die roh unschön anzuschauen, aber nach 30 Sekunden Sudbad zu den Königen der Dampftöpfe avancierten. Da mache ich mir gerne beim Pulen schon einmal die Finger schmutzig.
Ausgelutscht: Puddingstreifen
Nachtisch gabs eigentlich nicht mehr, zumindest keinen zusätzlich bestellbaren, dafür war das Feurtopf-Fest schon ausgiebig genug. Da das Plattenbefüllen für den Feuertopf nach diesem eigentlich abscheulichen All-you-can-eat-Motto abläuft, hört man ja ohnehin schon meist viel zu spät auf. Das ist ja das perverse. Mit Geschmack und Genuss hat das dann irgendwann ja nicht mehr so viel zu tun. Eher mit nicht aufhören können und wollen. Deswegen reden die stumpfinnigen All-you-can-Eater ja irgendwann nicht mehr vom wovon, sondern nur vom wie viel. Ihhh Bäh! Im 5 Flavor hatte das Nicht-Aufhören-Müssen jedoch aufgrund des Variantenreichtums durchaus seine Berechtigung. Zum Nachtisch musste dann also auch erneut die kalte Ecke herhalten, denn dort gab es auch eine Schale mit Puddingstücken. Pudding ist nett gesagt, denn diese wabernden gummiartigen Quader strotzten so vor Gelantine, dass man sie auch als Spielzeug hätte benutzen können. Im Mund fühlte sich das Ganze dann wie ein weich gekochter Flummi an, den es mal in fruchtig und mal in ingwerhaltig gab. Beides riss mich nicht vom Hocker, gerne hätte ich die Pudding-Dinger straight ins Dampfbad gespuckt und sie ihrer jämmerlichen Konsistenz beraubt. Aber es blieb beim braven Zerkauen, Erdulden, Erlutschen, aber auch bei nur einem Versuch pro Pudding-Stück. Satt war ich ja ohnehin schon längst. So ein Nachspiel hatten die sich munter im Magen türmenden Garnelen gewiss nicht verdient gehabt.

Auf einmal war sie weg, die Grotta Azzura. Das Kleinod neapolitanischer Küchenkultur auf der Torstraße. Der Ort, wo die Mama höchstpersönlich von Tisch zu Tisch wandert und jedem Gast erzählt, was die Küche heute vorgesehen hat. So ist es manchmal in der italienischen Gastronomie. Man ahnt nichts Böses und plötzlich ist der Laden dicht. Ohne Vorwarnung. Ohne Abschiedsessen. Von einem Tag auf den anderen. Am Tag darauf steht dann schon der nächste italienische Gastronom auf der Fußmatte. Auf der Torstraße 169 hat dieser seinem neuen Laden den Namen Trattoria Focolare verliehen. Alles aus eigener Herstellung verspricht dieser. Immerhin. Innendrin gibt man sich Mühe. Grün-weiß-karierte Decken auf quadratischen Holztischen, eine Kerze auf jedem einzelnen, nur wenige allerdings besetzt. Die Kellner agieren wie in Bernd Eichinger Filmen. Ein wenig geleckt, gekünstelt, zweifellos freundlich, aber immer irgendwie auch unnatürlich. Unser Protagonist avanciert zum regelrechten Kümmerer. Hier eine Nachfrage, dort ein Tipp, immer wieder ein Grienen signalisieren, dass man in der Trattoria bemüht ist, Gäste halten zu wollen. So gut ist das bislang offenbar noch nicht gelungen. Schließlich wirkt der heimelig sein sollende Laden mit Weinregalen und Gastro-Atmo angesichts der großräumigen Leere eher wie eine kleine Halle, in der man den Schritt eines jeden Gastes auf den Fliesen hört und man sich fragt, wann denn nun endlich jemand kommt, ein paar Tische beiseite schiebt und eine Tischtennisplatte aufstellt - damit endlich mal etwas passiert und Leben in die Bude kommt. Als Häppchen vorab gibt’s ein paar grüne und schwarze Oliven, mittelfrisches Brot und eine ansprechende Wochenkarte im Holztafel-Format, die über die Leckerlis von Samstag bis Samstag informiert.
Pappate die Pomodro e Crostini con Aglio (4 Euro) soll es sein. Als leichter, aber dennoch herzhafter Einstieg. Eine solide Wahl, die Suppe ist leicht sämig, mit der richtigen Prise an Knoblauch, aber mit zu wenig gerösteten und zu grob geschnitteten Brotstückchen. In dieser Form hätte ich sie mir so gerade noch selbst per Hand aus dem Brotkorb in die Suppe bröckeln können. Auch der Käse in der Suppe erweist sich als überflüssig. Da die Suppe so heiß serviert wird, als wenn sie frisch aus der Mikrowell kommt ist von dem Käse allerdings nur kurzzeitig etwas zu sehen. Er geht rasch im roten Tomatenuniversum auf. Für den Start war die Suppe – immerhin auf der Wochenkarte angepriesen – okay. Mehr als italienischer Standard war dies allerdings nicht.
Manchmal ist es in der italienischen Küchenkultur nicht sonderlich anders als im Fast-Food-Gewerbe. Man will nichts verschweigen, jede noch so banale Zutat anpreisen und versucht in nur einem Wort alles abzubilden. Das führt dann zu so komischen Bezeichnungen wie TS, für eine zermanschte Scheibe langzeitgelagerter Nicht-Bio-Tomaten und einen Fitzel Salat. In der Trattoria schreiben Sie die Zutaten wenigstens aus, bestimmt weil Pecorino und Walnuss ja auch viel besser klingen. Extra erwähnen hätte man Sie aufgrund ihres eher minimalen Umfangs nicht. Der Rest ist Salat und Gemüse und Kalbsfleisch (10 Euro). Diese drei Hauptkomponenten türmen sich recht imposant auf dem runden Keramikteller, so dass mir wirklich zunächst ein „oh“ entwischt und die Augen größer werden. Als so großartig und umfangreich erwies sich die Speise dann nicht. Das Kalbfleisch war zart, sehr dünn geschnitten und gekonnt mariniert. Daran gab es nichts auszusetzen. Das Gemüse allerdings - Auberginen, Paprika, Zucchini, Artischockenherzen – muss die Bezeichnung Gewürze wohl noch in seinen Wortschatz aufnehmen. Flau, charakterlos, ohne Gesicht erschien mir das gesunde Grün. Da wurde eine große Chance vertan. Das ließ sich auch in Kombination mit den leicht bitteren Salatblättern oder dem gelungenen Kalb nicht retuschieren. Was das Thema Würze angeht, enterte die Trattoria an dieser Stelle eine glatte Fünf.
Die Preisfrage bei jeder Tiramisu-Bestellung ist ja immer die nach dem Sahnegehalt. Kommt ein weißer Wust mit Keksgrundlage, sinkt der Mundwinkel, kommt eine Süßspeise mit einer gekonnten Sahne, Kakao, Rum Mixtur drehen die Geschmacksnerven Loopings. Glücklicherweise positionierte sich das Tiramisu der Torstraßen-Trattoria (4 Euro) eher im grünen Bereich. Es schmiegt sich um den Gaumen herum, tänzelte über die Zunge und mischte sich ganz gut mit den Früchten am Rand. Nichts für eine Nachbestellung aber so gut, dass der lange Löfffel, nachdem der Teller geleert war, noch einmal ausgiebig nachbearbeitet wurde. Ein gutes Ende für ein Kapitel italienischer Küchenkultur, dass es – so leid es mir tut – auf der Torstraße nicht braucht. Die Trattoria müht sich, aber unter dem Strich ist es nicht mehr als italienischer Standard, der sich hier wohl nicht durchsetzen wird. Die Preise hingegen sind dann doch so prominent, dass das Verhältnis nicht passt. Nun gibt es wohl nur drei Auswege. Man dreht die Preisspirale kräftig nach unten, man macht irgendwas besonders oder: es steht schon bald der nächste italienische Küchenmeister auf der Fußmatte.

Mr. Hoang bittet zu Tisch. Gelbe Lettern auf rotem Grund. „Traditional Vietnamese Food“, heißt es. „Bar – Kaffee“, steht aus der Vorgänger-Restauration darunter. Es ist gemütlich beim Mister. Zwei graufarbene Riesenfische ziehen ihre Bahnen im mittig postierten Aquarium des gar nicht so kleinen Lokals. Gelbe Teelichter flackern auf den acht Tischen. Ein Holztresen, ein Buddah-Altar mit Rauchzubehör, Winke-Kätzchen, eine Rose pro Tisch vervollständigen das Ambiente. Mr. Hoang meint es gut mit seinen Gästen. Er serviert keinen Rundum-Asia-Kram sondern bekennt sich schon in der Speisekarte ausschließlich zu traditioneller vietnamesischer Weltküche. Das gefällt. Nicht wieder einer dieser „Ich-Kann-Alles-Asiaten“, die zwischen Thai-, China- und Vietnamesischer Küche nicht mehr zu differenzieren wissen und die - so scheint es - nur zwischen „bisschen“, „nicht so“ und „gut scharf“ unterscheiden. Nein, Mr. Hoang ist Traditionalist. „Strictly no Glutamat!“. Das gibt Pluspunkte. Auch wenn meine Zweifel bei ihm sehr groß waren. Schließlich gibt es einen kleinen gleichnamigen Bruder auf der Kastanienallee und Gutes geht ja bekanntlich selten in Serie und wenn doch, dann wird es schnell schlecht.
Trotz aller Mythen rund um den Mister, Herrn Hoang werde ich ihn an diesem Abend leider nicht zu Gesicht bekommen. Hoang mag es geheimnisvoll. Stattdessen springt mir eine kleine agile junge Asiatin zur Seite. Sie schmeißt den Laden, nimmt freundlich Bestellungen entgegen und füllt ihre Pausen mit laut lärmenden Asia-TV-Casting-Shows, was eher belustigt als stört. Thailändische Jacko-Doubles treffen auf vietnamesische Madonna-Klonen und der jungen Dame, die ich kurzerhand in Mrs. Hoang umbenenne, gefällts. Musik für die Gäste gibt es deshalb nicht.
Gibt’s Fragen die über die Speisekarte hinausgehen hat in der Torstraße 167 aber weiterhin offenbar der Mann das Sagen, dann flitzt Mrs. Hoang in den Küchenbereich diskutiert, debattiert und präsentiert dem Gast das Ergebnis des Diskurses. So auch mir. Ich hatte mich spontan für das fischhaltige „Familienglück“-Menü entschieden, das – passend zum Blog-Raster – gleich Vorspeise, Hauptspeise und Nachspeise in einem darbot. Allerdings – und das war der Haken – für zwei Personen. Dieses Menü auch als Alleinesser testen zu können, fiel schwerer als erwartet. Die junge Miss eilte zweimal Richtung Küche und zurück, spielte offenbar ein paar Speise- und Preis-Variationen durch um mir dann, während Asien-Jacko den Moonwalk im TV vollzog, die Ein-Mann Variante für 13 Euro zu offerieren. Ich nahm an: Garnelen-Suppe vorab, Garnelen und gebratener Tintenfisch mit Paprika, Bambus, Zwiebeln, Peperoni und Basilikum hinterher und zum Abschluss – als Dessert – einen guten Filterkaffee. Das Ganze „scharf nach Wunsch“ verspricht die Karte. Das ist Vietnam. Das ist Mr. Hoang.
Garnelen-Suppe klingt gut. Menschen die das Glas eher halb leer statt halb voll sehen, hätten eher von Pilzsuppe mit Garnelen gesprochen. Kleine geviertelte Champignonköpfe prägen das Gesamtbild der rötlich schimmernden Suppe auf Brühebasis. Erst unter der Pilzschicht verstecken sich drei recht üppige Garnelen, die sich mit ein wenig frischem Ingwer schmücken, ansonsten ein recht respektables Eigenleben im roten Sud führen. Das ganze ist wirklich frisch gemacht. Keine große Kunst, aber gutes Handwerk, Hoang-Style. Gegessen hatte ich diese Suppe noch nicht und so spiele ich alle Kombinationen, die diese Flüssigkost zulässt durch: Pilz mit Shrimp mit Brühe, Pilze mit Brühe, Garnele mit Brühe, nur Brühe, Pilz mit Garnele. Als ich fertig bin, ist die Suppe auf und ich habe Lust auf mehr.
So viele Garnelen! Da kann sich die besagte Familie wirklich glücklich schätzen. Dazu nicht zu zäher aber auch nicht zu nachgiebiger Pulpo. Aber – Minuspunkt: viel zu viele Zwiebeln. Das nimmt auf die Dauer den Reiz an der wirklich großen, mit gut würzenden dezenten Chili-Scheibchen versehenen und durch und durch frisch daherkommenden Speise. Eigentlich hätte noch Fischfilet zu dem Menü gehört, aber innerhalb des Verhandlungsmarathons, das Zwei-Köpfe-Familienglück auf eine Ein-Mann-Single-Speise runterzudampfen, habe ich großzügig auf das Fischfilet verzichtet, was Mrs. Hoang beziehungsweise den Koch im Backoffice aber nicht dazu ermutigte den im Verhältnis zum Zwei-Mann-Menü (22 Euro) ohnehin erhöhten Preis noch um ein paar Euros zu drücken. Nun denn, die viel geschätzte Vielfalt auf der Torstraße darf ja auch ruhig mal etwas mehr kosten. Tradition hat ihren Preis. Sattsein auch. Und das war ich. Dafür haben die Hoangs durchaus Sorge getragen. Dennoch werde ich wohl künftig wieder eher auf andere glutamatfreie Protagonisten und nicht auf den sagenumwobenen Mister setzen.
Nicht unterschlagen möchte ich den als Dessert angeführten Kaffee mit warmer Milch. Meine sanft vorgetragene Bitte, ob es nicht auch die gebackene Banane mit Honig sein könnte, wurde ebenso sanft aber bestimmt verneint. Also Kaffee als Dessert, frisch aus der Pad-Maschine, aber immerhin mit einer Karaffe warmer Milch, die zumindest einen gemächlichen, Magen schonenden Ausklang ermöglichte und der so manche ungestüme Zwiebel zum Opfer fiel. „Gut geschmeckt“ erwiderte ich nach dem letzten Schluck auf die Suggestiv-Frage von Mrs. Hoang, packte meine Utensilien zusammen, winkte Buddah und den beiden Riesenfischen noch einmal zu, warf einen letzten Blick auf die tanzenden TV-Kasperls und verabschiedete mich ebenso höflich wie ich hier empfangen wurde. Auch wenn alles okay und nicht richtig schlecht war, hielt ich an meinem Poker-Face fest. Es merkte keiner, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon wusste, dass ich nicht wiederkommen werde.

Ich muss gestehen, ich habe lange gezögert beim Auftakt. Der erste Laden auf der Torstraße und gleich ein Orient-Grill. Einer von diesen in Berlin gefühlt 500. Einer, bei dem Google 180.000 Ergebnisse ausspuckt. Orient-Grills sind die Müllers und Meiers der Döner-Kultur. Mit orientalischer Exotik hat das nix mehr zu tun. Dennoch heben sich diese schmierig-schniefenden Brat- und Grillstätten mit ihrem postmodernen Mix aus Postenbörsen-Chic, schäbigen Möbeln und fabrikgefertigten Speisebildchen deutlich von der Franchising- und Systemgastronomie ab. Kleinunternehmertum rules!
So auch in der Torstraße 227. Vom S-Bahnhof-Friedrichstraße kommend, hatte ich erst noch gehadert. Dann aber kam sie. Die Frau mit der roten Tasche. „Fleisch hat immer Saison“ schleuderte sie mir in weißen Lettern entgegen. Die Botschaft der werbetüchtigen fleischverarbeitenden Industrie war angekommen. „Okay, überredet“ – nun war ich mir meines Ziels bewusst.
So grüßte dann gleich auch die gut durchgezogene Rolle Pressfleisch neben der Eingangstür, eine halbwegs einladende Salatbar brachte mich auf andere Gedanken, die durch die Speisekarte auf einer Art Anzeigetafel über dem Grill wieder verflogen. „Was soll es also sein, mein Herr?“, so die Frage des überaus freundlich-vergnügten Betreibers türkischer Herkunft mit grau-melierter Kurzhaarfrisur und einem üppig ausgeformten Schnauzbart. Eine sehr gepflegte Erscheinung, die so gar nicht zum Fleischerei-Ambiente am Spieß und auf der Leuchtwand passte. Ein Netter. Ein Mann und sein Laden. Um die zum Großteil rauchenden Stammgäste aus dem neighbourhood nicht zu verprellen, hat er kurzerhand ein Vorzelt vor seinen Point-of-food gezogen. Man schreitet also erst durch eine ungeschönte Landschaft aus roter Plane, Leuchtsträngen und Schützenfest-Bänken um an die Speisestätte zu gelangen.
Das Publikum ist bunt gemischt. Keine Mitte-Machos – solides Arbeiterpublikum, bei dem ein Tropfen Soße auf die Karo-Jacke keinen großen Schaden mehr anrichtet und auch ein paar Businessleute, die sich nach getaner Büroplackerei offenbar mal wieder Zeit für etwas Echtes und Ehrliches einräumen wollen. Aus den Boxen dröhnt radio rs2. „Am I hero?“, krafstrotzt Metallicas James Hetfield aus den Membranen der Billig-Elektronik um danach das Mikro an Pearl Jams Eddie Vedder weiterzugeben. Türkische Folklore wäre schöner gewesen. Aber für folkloristische Sozialromantik ist der Orient Grill der falsche Ort. Zeit, das was auf den Teller kommt: .
An den „Schnitzeln“, „Köftes“ und „Hähnchen“ im Brot vorbei peilend, entschied ich mich für das Hausgemachte. Was leichtes vorab, bei all´ der schweren Kost, die einem von der Anzeigetafel entgegen strebt. Die gut gewürzten, mit Möhren und Porree angemachten Kartoffelquader waren wirklich lecker, nicht superfrisch, nicht superexquisit, aber sie brachten mich auf Versöhnungskurs mit dem orientalischen Torstraßen-Zauber. Auf den Schafskäsesalat hätte ich jedoch besser verzichtet, das war sehr salzig und käsig und nicht besonders innovativ. Aber für 2,50 Euro im Doppelpack will ich mal nicht klagen. Besser als meine Vorurteile wars auf jeden Fall.
Innovation gehört nicht zum Vokabular eines Orient-Grills. Kulinarische Überraschungen gibt es hier keine großen. Deshalb war sehr schnell klar, dass – allein schon wegen der zahlreichen Vergleichsmöglichkeiten – ein Döner (2,50 Euro) folgen musste: Im Fladenbrot, mit Kräuter-Scharf, ohne Zwiebeln. Dieser Selbstversuch zeigte mir, dass – gemessen an kleinstädtischer Imbiss-Kultur – die Döner-Qualität in Berlin doch relativ hoch ist. Relativ. So auch hier: Das Pressfleisch machte sich nicht als solches bemerkbar, die Würzmischung stimmte. Keine ganz so großen Fleischbrocken sondern auch einen halbwegs frischen Salatmix trug das Fladenbrot in sich. Optisch kam das bunt gefüllte Gebäck auf einem ebenso blumig-farbenfrohen Plastikteller daher. Das passte zwar alles nicht zusammen, setzte aber trotzdem Akzente. Bissen für Bissen gings voran, angetrieben von rs2. Der Brocken im Magen begann sich irgendwann so langsam bemerkbar zu machen. Am letzten Zipfel des Weizenmischgebäcks angekommen, war klar, dass diesmal der Nachtisch keinen Platz mehr finden würde. Zum Glück sah die Anzeigentafel eine solche Option auch gar nicht vor. Etwas Liquides musste folgen – zum Nachspülen.
Kein Raki, kein Rubin-Vitaminsaft, eine Coke – Coke light rang der Brocken im Magen mir ab. Da die SB-Getränkekühltruhen die kleinen Formate nicht parat hatte, machte sich der türkische Betreiber aus dem Kreis seiner rauchenden Stammgäste vom Zelt aus auf den Weg, um mir aus dem Lager noch kalorienarmes Koffeingetränk klarzumachen. Dieses genoss ich dann in vollen Zügen und ließ die Szenerie auf mich wirken. Nach einer Weile gruppierte sich die wild berlinernde Raucherfraktion um mich herum und ließ den offenbar entgleisten vergangenen Abend im Orient Grill Revue passieren. Das stärkte meine schon lange gefasste These, dass – insbesondere im Ostteil der Stadt – die Döner-Gastronomie längst die Rolle ehemaliger Eck-Kneipen und -Pinten übernommen hat. Hier trifft man sich, kommt zusammen, trinkt Sternburg für 1,20 Euro, Raki auf Kosten des Hauses und tauscht sich über das tagtägliche Austauschen im Grill aus. Praktisch: Sobald ein Hungergefühl aufkommt, kann es gleich mit ein paar Fleischfetzen zum Erliegen gebracht werden. Ich verabschiedete mich aus der Runde und zersetzte die Essklumpen daheim mit einem wohltuenden neapolitanischen Rauten-Grappa. Ob ich wiederkomme, entscheide ich besser mal nach der nächsten durchfeierten Nacht.

„W.“ steht für Willi – das habe ich bei meinem Besuch in der von außen unscheinbaren Eck-Gaststätte gelernt. Willi wiederum kann den Osten ganz gut buchstabieren. Auch das ist ein Lerneffekt. Umzingelt von all den hippen, durchgestylten, pub-vercrawlten Läden rund um die Tor-Ecke-Schönhauser wirkt Willis Laden sobald man ihn betritt als das erhabene Pendant. Voller Anmut, mit dem Bewusstsein über die guten alten Zeiten und stilvollem Ost-Pragmatismus offenbart sich „das Prassnik“ – wie der Kenner sagt – als ein Hort gepflegter Ost-Kultur. Braun-rot-türkise PVC-Quader auf dem Boden, Resopal beschichtet Tische, grau-gemusterte Retro-Tapeten, uncharmante Wand-Leuchten, stahlbeinige Stühle mit Holz-Sitzfläche. Das wirkt wenig inszeniert, keineswegs aufgesetzt, sondern durch und durch authentisch. Ganz so also wäre es schon seit über 40 Jahren so – auch wenn es sich beim Prassnik, so sagt man, um einen „Nachbau“ handelt. Experiment geglückt. Da versteht es sich von selbst, dass bitteschön geraucht werden darf.
An den Tischen findet man eloquente Stammgast-Gruppen aber auch apathische Grübler-Charaktere mit Zichte, Bier und Buch, die den Eindruck wecken, Aki Kaurismäki habe sie höchstpersönlich dorthin dirigiert. Sowieso: Für die perfekte Filmkulisse haben Willi Prassnik und seine Mannen gute Vorarbeit geleistet. Ein schöner Mix aus Leuten, die wissen weshalb sie hier sind und nicht in der neuen Odessa Bar ein paar Schritte weiter hoch.
Wir entschieden uns für den Fenstertisch, mit Blick auf das motorisierte Torstraßen-Treiben, aber auch mit Blick in die wirklich tolle und ab 20 Uhr sehr schnell gefüllte Location. Allein aufgrund des tollen Biermännchen Logos an der Fassade und auch auf der Getränkekarte musste natürlich ein ebensolches zum Einstieg her. Willi Prassnik bietet hier was Eigenes: Das „Prassnik“ für smarte 2 Euros, das aber im Magen eher Schwere verursachte. Also doch lieber das norddeutsche „Flens“ oder ein – *räusper* – „Kölsch“, das so gar nicht zu der mit allerlei Wodka-Sorten und jugoslawischem Slivovitz bestückten Karte passte. Das Essen steht im Prassnik auf einem laminierten Din-A-5-Blatt. Es öffnet bereits verschlossen geglaubte Sprachwelten in denen noch Würzfleisch, Salatgarnituren und Sättigungsbeilagen existieren. Auf einer Tafel wird das Tagesgericht angepriesen: Sauerkrautsuppe. Ich entscheide mich für die laminierte Soljanka.
Wenn schon Osten, dann Soljanka (3,30 Euro) bitteschön. Was das ist? „Wurstsuppe mit Tomate“, offenbarte mir ungeschönt der freundliche aber auch überaus gemächlich agierende Prassnik-Kellner. Das ganze gab es in stilechtem blau-weiß-gemusterten Küchengeschirr und natürlich mit einem Schuss guter Sahne. Geschmacklich erinnerte es an Kindergeburtstage oder Sport-Großveranstaltungen oder Pfarrfeste und an all die westdeutschen „Wurst-Gulaschs“ die man schon einmal über sich ergehen lassen musste. Ein wenig Zucker, gut Ketchup, ein bißchen Porree, einen Hauch Tomate und viiiiel Wurst. Komischerweise isst man die krude Mischung dann doch immer komplett auf. Als Beilage zum Bier funktioniert das gut. Als Sättigungsgrundlage auch. Mehr wurde nicht versprochen. Mehr wurde nicht gehalten. Aber so ganz viel mehr wurde auch nicht erwartet. Ins Prassnik-Ensemble passte es. Das ist ja auch schon sehr viel wert. Stilecht.
Ost-Wan-Tan nannte mein Münchner Freund Peter, der mich auf dieser kulinarischen Etappe begleitete, diese Kreation. Schön. Als Tortelloni oder Pierogi oder gefüllte Teigtasche hätte ich die auch durchgewunken. Eine sprachliche Korrektur hingegen muss ich bei dem „mit“ vornehmen. Denn die Pelmenis (5,80 Euro) präsentierten sich auf dem erneut tollen, praktikablen, matt-gelben, schon leicht abgestoßenem Geschirr in saurer Sahne badend. Ich bestimmte mit dem Löffel die Schwimmrichtung und die Wassertiefe der zwölf Teigbatzen. Leider ließ sich ein tiefes Eintauchen in die Sahne – nicht zu verwechseln mit diesem neudeutschen Sour-Creme-Kram – nicht verhindern. Das war gut gemeint, aber leider deutlich zu gut. Die Pelmenis waren okay: würzig und authentisch, aber die Sahne in ihrer vereinnahmenden Art raubte den Teigtaschen die Seele. Da halfen auch die durch die Soljanka bereits bekannten Porree-Scheibchen nichts. Ich blieb meiner Linie treu und löffelte trotzdem ganz aus. Peter auch. Bein nächsten Mal – und das wird es wegen des einzigartigen Ambientes geben – wähle ich Kassler, Knacker mit Senf oder Würzfleisch mit Toast. Und ich gebe dem „Prassnik“-Gebräu eine zweite Chance.
„Prost W.!“ – „Auf die nächsten 40 Jahre!“

Alles grünt im Soup´n´Roll: Grasgrüne Wandbemalung, eine durchweg grüne Homepage, allerlei Grünzeugs auf der Karte. Nur der Besitzer – Nguyen Bao – empfängt an diesem Sonntagabend die Besucher seines winzig kleinen Ladens in existenzialistischem Schwarz. Schwarze Hose, schwarzes Hemd, dazu ein kleiner runder Deutschlandsticker. Ein lustiger Style.
Baos Laden ist vielleicht das kleinste Speiselokal auf der Torstraße. Etwa acht Quadratmeter Fläche. Acht gepolsterte Sitz-Holzkisten. Eine gepolsterte Bank an der Wand. Drei kleine quadratische Tische. Ein Stehtisch. Zwei Barhocker. Ein Kühlschrank. Nguyen Bao steht hinter dem Tresen und bereitet dort auf rund vier Quadratmetern zu, gibt raus, schenkt aus, rechnet ab. Nebenbei postet er noch vom neben der Espressomaschine und dem Reisgarer drapierten Laptop die Wochengerichte auf seiner Homepage. Jede Woche vier neue Kreationen. Jede Woche nie über fünf Euro. Das ist das Konzept des Soup´n´Roll-Epigonen.
Der Laden ist ehrlich. Nicht so durchgeplant durchdesignt wie die vielen panasiatischen Hipsterlokale, bei denen der Innenarchitekt erst an die Arbeit geht, bevor der Suppentopf aufgesetzt wird und bei denen die Speisekarten genauso gut aussehen wie das Essen. Klar ist das schön. Klar passt das alles. Und klar: tolles Konzept ihr Yumchas, Dudus, Tocas aus der Nachbarschaft. Es ist ja auch sehr lecker bei Euch allen. Ohne Zweifel. Aber: Herr Bao zeigt euch, dass manchmal auch zwei Herdplatten und ein paar gute Ideen reichen. Und ein wenig grün. Schöne Erkenntnis.
Kaum ist man drin, fühlt man sich wie in einem dieser ostasiatischen Garküchen. Wie bloß kann man auf so wenig Raum – wenn man vom Lagerraum im Keller absieht – gutes Essen zubereiten? Schließlich behauptet Mr. Bao gemäß vietnamesischem Sprichwort „das Leben ist zu kurz um schlechte Suppen zu essen“. Weise weise. Ganz schön selbstbewusst. Er spielt mit dem Leben seiner Kunden. Das muss man erst einmal bringen. Und Klar: Nun muss er Wort halten!
Strophe: „Roll“ mit Hühnerfleisch und Reisnudeln
Was waren denn eigentlich noch einmal Frühlingsrollen? Gibt´s die noch? Selten. Auch Bao setzt streng auf Rollen – ohne Frühling. Die sind leichter, gesünder und passen besser zum digital-urbanen Lebensstil als diese frittierten Teigquader. Drei fluffig gedrehte Reisteig-Rollen werden zum Einstieg auf weißem Teller serviert, ein kleiner mit merkwürdig süßsaurem Dressing versehener Sojasprossen-Mungobohnen-Salat, dazu ein Schälchen mit einer undeutbaren essighaltigen Essenz samt Zwiebeln - zum Dippen der Rolls (3 Euro). Grüne Kost ist das. So raubt der Salat in den Rollen, dem Fleisch ein wenig den Raum. Ich muss oft eintunken in das Essig-Schälchen, um den Rohkost-Effekt zu mindern. Aber zusammen mit dem Dip mundet es durchaus. Ich beiße, dippe, würze nach, denn ein wenig schärfer hätte es schon sein dürfen. Dazu gibt’s lupenreine Musik aus der Konserve. Das Radio dudelt. Ganz wie beim Friseur in der Nähe. Insgesamt ein guter Einstieg. Leicht, gesund, frisch - wie in der Eingangstür versprochen. Der junge Herr Bao freut sich, dass der Teller komplett geleert wurde. Zeit für Suppe.
Refrain: Klebereis-Suppe
Bislang habe ich mir diese Fragen des Lebens eher nur am Rande gestellt. Aber Nguyen Bao hat hoch gepokert, viel versprochen und serviert mir so nicht nur die Suppe sondern auch einen Happen Lebensphilosophie mit. „Hausspezialität“ heißt es dann auch noch vollmundig. Wenn schon Spezialität, dann will ich auch den richtigen Namen und nicht dieses „Klebereis“ lesen, dieses Zugeständnis an all die trubelnd trunkenen Pendler benachbarter Hostels, von denen im Laufe des Abends aber keiner in den Laden strumpelte – trotz „Soup´n´Roll“, alter. Diesem popkulturell hochgepitchten Namen, „Alter!“ – der so gar nicht zum eher dezent und vornehm agierenden Herrn Bao passt. Also: Klebereis-Suppe. Große Schale (4,50 Euro). In einem mächtigen weißen Porzellan paart sich der Reis mit Erben, Mais, Zwiebeln, Lauch, Koriander, Pilzen, Blumenkohl, Brokkoli, Karottenquadern und ein wenig Hühnerfleisch. Grün ist die Hoffnung. Das Ganze: umringt und eingebunden in eine wirklich herrlich würzige Brühe. Es macht Spaß Klebereis wahlweise mit Karotten oder Kohl aber immer mit dieser guten Suppe zu kreuzen. Je nach Kombinationsfreude ergeben sich - auf Grundlage dieser warmen Flüssigspeise - eine Fülle kreativer Kombinationen, so dass ich allein aus meiner Spielfreude heraus der Suppe bis auf den Grund gehe und sie bis zum letzten Löffel aufesse. So unnormal ist das nicht. Aber: Bei dieser großen Schale ist es eine Besonderheit. Tipp: Die kleinere Variante (3,50 Euro) langt auch! Gerade an kälteren Tagen sind die Suppen des Herrn Bao eine Wohltat. Auch wenn der Name es eigentlich nicht zulässt, bietet er zwar auch immer zwei nichtflüssige Hauptspeisen an. Besser sollte man jedoch auf eine Löffelspeise setzen. Wennschon Name, dennschon Name. Und: Das kann Mr. Bao. Meine Existenzängste verfliegen mit jedem Löffel und ich freue mich über jede Minute menschlichen Daseins.
Reprise: Ingwer-Tee mit Honig und Zitrone
Nachtisch gibt es in diesem Miniatur-Laden leider (noch) keinen. Eine weitere Suppe wäre zu viel - selbst ein paar Rollen zum Nachtisch. Also muss frischer Ingwer-Tee als Dessert herhalten. Nur einen schmalen Taler kostet dieser. Und dann wird er auch noch mit einem Schuss Honig fein ziselierten Ingwersträngen und einer Zitronenscheibe offeriert. Herrlich ist das. Und dazu auch noch herrlich gesund. Das gefällt und rundet den insgesamt runden Ausflug ins Soup´n´Roll ab. Von der stolz auf dem Tresen zwischen zwei Orchideen und neben einer Schale Orangen drapierten riesengroßen Red Label Whiskyflasche will Herr Bao nichts abgeben. „Das ist ein Geschenk, die wird nicht geöffnet, die ist nur Schmuck“, sagt er auf meine vorsichtige Frage. So so. Hübsch hübsch. Hi hi. Dennoch: Es soll nicht das letzte Mahl für mich hier gewesen sein, denn gerade für die gute, leichte und nicht zuletzt auch grüne Kost hat Herr Bao das richtige Händchen. Es ist ihm zu wünschen, dass die respektlos von einem schlechten Imbiss zum nächsten über die Straße purzelnden Hauptstadt-Hopper dies anerkennen und nicht nur dem guten Rock´n´Roll sondern auch den vietnamesischen Suppenvirtuosen frönen. Zugegeben: Um den Laden erst einmal zu erkennen, muss man ihn jedoch finden. Nicht so leicht bei der Größe und bei so wenig Make-Up. Aber gerade dies macht ja den besonderen Reiz dieses smarten ehrlichen Lokals aus. „Open“ blinkt auf in blau und rot vom Fenster aus nach draußen auf die Straße. Gut zu wissen.

Torstraße 179. Mittendrin stecke ich nun im Spaghetti Western. Doch es riecht nicht nach rauchenden Colts, sondern nach gebratenem Knoblauch. Der Stil, eher dezent und asketisch als Kitsch aus diesen gammeligen wie unterhaltsamen Italo-Streifen. Nun ja, immerhin Italo triffts. Der Kellner, mit tief aufgeknöpften hellblauen Hemd über behaarter Brust macht am ehesten noch dem Namen alle Ehre. Ein Netter, Bemühter, manchmal sich auch gerne mit Freunden festdialogisierender Zeitgenosse, zwischen prego und danke schwankend, nicht unsicher, sondern erhaben. Ein Hauptdarsteller eben. Der erste Eindruck, dass es sich eher um einen Weißrussen als um einen Italiener handelt, verflüchtigte sich im Laufe des Abends. Die Gerüche blieben in der Luft. Zum Glück waren es ausschließlich wohlriechende Essenzen, denn im kleinräumigen, so um die acht Tische umfassenden Western-Saloon, wird natürlich hinter dem Tresen gekocht. Alles ist sichtbar und transparent, man kann dem geschulten Koch-Cowboy über die Schulter blicken und feststellen, dass dieser sein Handwerk beherrscht. Musikalisch setzt man auf Lounge Jazz, eher der Marke eines gemäßigten John Coltrane als der eines experimentierfreudigen Ornette Coleman. Passt zwar nicht zum Western, passt aber ganz gut. Für Einzelesser gibt’s allerlei Zeitungen und Magazine, für Mittagesser einen Mittagstisch und auf diesen mittags wie abends eine Blume und eine Kerze. Die Gäste sind eher zwischen 30 und 40, manche von ihnen, vor allem der mit dem roten Hut wollen sich vielleicht für eine Rolle im Western bewerben, insgesamt ein nettes Ensemble aus Mitte-Protagonisten, geschmackssicherer Boheme und ambitionierten Studenten die den Namen interessant fanden. Alle Tische sind gefüllt. Der Laden hat seinen Platz auf der tighten Torstraße gefunden. Und ich nach einiger Zeit, auf der überzeugenderweise nur mit Nudelgerichten bestückten Speisekarte mein Menü.
Ich muss gestehen, in Sachen Suppe Essen im Restaurant bin ich ein Anfänger. Wenn probiert, wurde ich zumeist enttäuscht und gab mich allzu schnell dem verfänglichen Gedanken hin, dass irgendwo im stillen Kämmerlein der Gaststätte XY bestimmt ein Topf a la Gulaschkanone schlummert und die liquide Speise samt Gewürzmasse noch mal so richtig durchziehen lässt. Das erinnerte mich dann zu sehr an Schützengilden oder aber Rot-Kreuz-Blutspenden, dass die Suppe nicht Einzug in meinen Magen erhalten sollte. Im Spaghetti Western bekam das Medium Suppe seine zweite Chance und nutzte sie. Frisch zubereitet, nicht dickflüssig und bestückt mit eher gehauchten als geschnittenen Champignon- und Zucchini-Scheiben schraubte sie die Spannungskurve in diesem kulinarischen Italo-Western gleich mächtig in die Höhe. Auf die Frage des Hauptdarstellers ob es denn schmeckt folgte nur ein Stakkato-Nicken und dann der erneute Griff zum Löffel. Sehr zu empfehlen das Ganze. Ein Vorspann den man sich für smarte 3,90 Euro nicht entgehen lassen sollte. Besonders großartig waren auch die angebrutzelten Croutons. Das nächste Mal bestell ich einen Nachschlag davon.
Hauptgericht in diesem Saloon, Hausnummer 179, heißt auf jeden Fall: Nudeln, Nudeln, Nudeln. Aha, da klingelt´s. Klar: Deswegen ja Spaghetti-Western. Da gibt es hier viele Variationen. Mit Shrimps, mit Meeresfrüchten, mit Kalb oder ganz klassische Aglio et Olio. Auch für die scharfe Fraktion gibt’s allerlei Peperonici-Varianten, die das Bier oder den guten Hauswein, für dessen weiße Sorte ich mich entschied, schnell hinunter fließen lassen. Western-Style! Ich entschied mich für die softe Nummer und wählte die Fettuccine mit Kapern, Tomaten und Paprikacreme (8,50 Euro), vor allem weil ich diesmal aus Kuschel- und Tuschelgründen auf den Knoblauch verzichten wollte und aber auch weil Kapern, dies kleinen runden Irgendwasse, mich immer schon total verrückt gemacht haben. Mit der wirklich frischen Paprika-trifft-Frischkäse-Kombination war es einen Versuch wert. Auch dieses Gericht hielt die Qualität auf einem hohen Niveau. Kein Gemansche, alles genau in der richtigen Zeitspanne zubereitet, al dente ohne die Dentalbereiche allzu sehr zu beanspruchen. Ideal. Die Effekte an den richtigen Stellen eingesetzt. Gute Nudelstreifen.
Irgendwie war er dann doch immer noch da der plötzliche unerklärliche Wunsch nach einem in Schokolade gehüllten Ausklang. Es ist komisch, alle Höhen schon durchlebt, jede Kaper, jeden Crouton ausgekostet, weggeknabbert, ausgelutscht, dennoch: Dessert darf nicht fehlen. Also fiel die Wahl auf das zumeist verlässliche Schokoladenmousse. Keine Experimente. Auch wenn hier in diesem Laden die Wahrscheinlichkeit eines gelungenen Experiments sehr groß gewesen wäre. Es sollte Schokomousse sein. Man nennt mich auch Mousse T. Viel zu schick für Geldbeutel schonende 3,50 Euro arrangiert, kam es daher, konnte aber leider nicht halten was es versprach. Es war zwar kein Flop am Ende aber auch nicht mehr als Italo-Standard. Süß, schokoladig, sündhaft sättigend. Nicht mehr, nicht weniger. Gut, das auch italienischer Standard meist weit vor dem deutschen Schokopudding liegt. Beim nächsten Mal werde ich entweder mir ein Schale Croutons zum After-Diner-Knabbern ordern oder erst mal komplett die Szenerie durchchecken, die gemixte Dessertplatte wählen, mich dann zurück auf die Torstraße rollen oder vorab erst noch vier Grappa einwerfen, um wieder runterzukommen. Der gute Tropfen blieb diesmal unversucht. Wein, Wasser, Brot mit Stuhl, Tisch, Kerze waren die Requisiten. Ein Bühne die ich gerne wieder wähle. Ich mag diesen ganzen Italo-Kram einfach zu sehr. Besonders schön: die ganzen Vapiano-Ganoven werden in so einem Spaghetti Western noch vor dem Duell in Flucht geschlagen und können ihre Colts schön stecken lassen.
Fotos: leider hat mich beim ersten Besuch mein gutes Gerät im Stich gelassen, bei einem zweiten Besuch, wollte ich das überzeugende Menü noch einmal kosten. Aber, wie sich das für eine gute Adresse gehört, waren längst neue Nudel-Kreationen in der Speisekarte zu finden. Nur das tolle Schokoladenmousse war noch zu haben, zusammen mit meiner smarten Begleitung Miriam. Aber lasst Euch gesagt sein, die Spaghetti-Gambas versetzten den Gaumen auch in Aufruhr.


Lutz macht einen auf Kurt. Lutz Keller heißt der Besitzer der „Restauration Tucholsky“. Das verrät ein erster Blick auf die Speisekarte des wohl touristischsten Platzes auf der Torstraße. Von der Oranienburger über die Tucholskystraße kommend, schwappt hier in regelmäßigen Abständen eine Horde ermüdeter Touristen oder auch Großfamilien über die Torstraße, um sich von Lutz a.k.a Kurt ein wenig Berlinische Kost in den Rachen schieben zu lassen. Die Dichte an Berliner-Weiße-Trinkern ist entsprechend hoch. Im Sommer kann man sich diese nach all dem Pflastertreten ganz herrlich im Biergarten gönnen. Begrenzt durch die vier Spuren im Süden und durch hässliche Waschbetonfassaden in Ost und West schafft Lutz es trotzdem, in seinem Biergarten eine Form von Heimeligkeit zu entfachen.
Es ist gemütlich irgendwie. Die Sitze sind gut gepolstert, man ist nett zueinander, die Kellner erfüllen viele Berliner Klischees, klammern aber die Unfreundlichkeit aus. Für die jüngsten Besucher haben sie sogar schon einmal unaufgefordert eine Gratis-Kugel Eis parat, für die Berlinhungrigen einen mit allen Wassern gewaschenen Spruch auf den Lippen. Auch drinnen geht es familiär zu. Bilder voller Berlin- und Familienhistorie, Zeitungen jeglicher Art und eine gut sortierte Weinbrand-Theke erwecken den Eindruck gepflegter Gastlichkeit, wie man sie auch aus dem Nikolaiviertel kennt, auf der Torstraße ja eher nicht.
Es soll halt Berlinisch sein hat sich Lutz gedacht. So offeriert die Karte neben der „Weiße“ in grün und rot auch ein Berliner Gedeck mit „Molle“ und wahlweise 4 Zentilitern Chantré oder Doppelkorn. Zu Essen gibt es neben vielen „gut deutschen“ Speisen auch die Berliner Schlachteplatte mit so charmantem Allerlei wie frischer Blut- und Leberwurst, einem kleinen Eisbein, Spreewälder Sauerkraut und Petersilienkartoffeln. Den Touris scheints zu munden. Aber keine Sorge, da sind auch viele gute Sachen dabei. Der Lutz weiß eben was sich gehört, aber auch was gut ist. So bietet er Zander, echtes Kalbsschnitzel, Salate, Gemüsevariationen, Lendchen und gewiss keine halbgare Kost. Der Koch weiß was er tut. Stilistisch sollte Lutz sich jedoch nicht allzu oft von den akquisefreudigen Vermarktern hiesiger Brauereien und Getränkehersteller bequatschen lassen. Denn in der Summe wirkt die Kombination aus Biergarten und Speisekarte doch wie ein kleiner Logopark aus Jever, Berliner Pilsener, Granini, Marlboro und und und … was den ohnehin überraschenden Charme des Ladens schmälert. Andererseits: vor den Waschbetonfassaden der Umgebung liefern die vielen Jever-Sonnenschirme beizeiten sogar einen willkommenen grünen Farbklecks.
Den Besuchern ists ohnehin eher egal. In großer Runde wird gelacht, gefachsimpelt, laut geflunkert und natürlich feist gespeist und getrunken. Es ist schon dunkel und das immerhin im Sommer. Es ist Zeit zu speisen. Aber Stopp, einmal noch der echte Kurt – getarnt als Theobald - weils so schön passt, zumindest das mit der Friedrichstraße:
Ja, das möchste: Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
Theobald Tiger: »Das Ideal«, in: Berliner Illustrirte Zeitung, 31.7.1927, Nr. 31, S. 1256.
Vorspeise: Kalte Gurkensuppe mit Shrimps
Das hätte sich die Arbeiterklasse zu Kurts Zeiten wohl nur träumen lassen. Gurkensuppe, okay, aber mit Shrimps verfeinert, ein wenig Knoblauch und viel Schnittlauch, das ist schon eine edle Kombination (4,20 Euro). Vor allem bei 28 Grad. Der berlinernde und rote Schürze tragende Kellner bringt ein Körbchen Brot mit Sour-Creme dazu und wünscht Guten Appetit bei dem „Süppchen“. Den habe ich - schließlich hat Kurts Gehilfe mich rund 30 Minuten auf diese Kaltspeise warten lassen und dabei locker erreicht, dass bereits der zweite große Drink vor mir steht ohne dass der erste Bissen getätigt wurde. Das ist die Macht der kleinen Geschäftstreibenden, der ich mich gerne beuge. Auch der erste Löffel der flüssigen Gurken, lässt mich Kopf und Nacken weiter Richtung tiefer Teller beugen, um den Hunger schneller zu stillen und auch um die Genussquote zu erhöhen. Denn die Suppe ist nicht nur super erfrischend, sie ist auch, nachdem kräftig mit Salz und Pfeffer nachgewürzt wurde, extrem lecker. Gurkenstreifen geben ihr Konsistenz, Shrimps verleihen ihr Charakter und mein Hunger ermöglicht ihr ein leichtes verführerisches Spiel mit der Gaumenpartie.
Hauptspeise: Großer Gartensalat mit gebratetenen Hähnchenbrustreifen
Ehrlich: Um den Authentizitätstest mit Kurt oder Lutz zu machen hätte eigentlich etwas Berlinisches auf den Teller gemusst. Aber um 21:30 Uhr in lauen Sommerlüften verpassten mir Eisbeine, Riesebouletten, Tartar sowie Leber-, Grütz- und Blutwürste dann doch so massive Magenhiebe, dass ich mich ganz sommerlich für den großen Gartensalat (8,90 Euro) entschied. Die Bestellung erfolgte schnell, dann folgte das Warten. So lange, dass ich zwischenzeitlich dachte, Lutz wäre kurzerhand noch in seine Kleingartenkolonie Tegel gedüst, um das ganze grüne Zeugs dort zu pflücken und um dem Namen „Gartensalat“ alle Ehre zu machen. Als er dann kam, kam der Salat aber immerhin ganz frisch, mit warmer Hähnchenbrust und sommerlichen Früchten und Mr. Rote Schürze entschuldigte sich brav, wie es sich gegenüber den manchmal ja auch komisch aufmüpfigen aber Spendierhosen tragenden Touristen gehört. Der Salat ist dann sehr gut. Sehr grün. Sehr reichhaltig. Croutons und Kürbiskerne geben ihm Effet. Einzig ein paar zusätzliche Paprikastreifen hätten ihm gut getan. Keine große Erfindung, nix mit Kurt zu tun, aber lecker und leicht. Das sah gut aus und passte schon.
Nachspeise: Frischer Rhababer mit Vanilleeis und Sahne
Der Nachtisch war ein Flop. Das klang gut, sommerlich, frisch, entblößte sich aber als in Vanillesoße ertränkter Furchtkompott. Sowieso: Vanillesauce ist ja mindestens so überbewertet wie Sauce Hollandaise. Und beides – so offenbart die Speisekarte – wird im Tucholsky gerne offeriert. So will es eben die gute deutsche Küche und so wollen es vielleicht auch die Touristen. Ich jedenfalls kann mit diesem ganzen Gesoße nicht besonders viel anfangen und wenn dann schon in Maßen. Bei der Nachspeise im Tucholsky mischten sich Eis, Sahne, Soße und Kompott so, dass am Ende gar nicht mehr klar war, was denn nun eigentlich wie schmeckt. Ein undifferenziertes und undifferenzierbares Gemansche. Die 4,20 Euro hätte ich lieber sparen und in das nächste Reclam Heftchen investieren sollen, um zu ergründen was dem Kurt wirklich wichtig war. Beim Nachtisch jedenfalls hat der Lutz dem Kurt keine Ehre erwiesen.

Ich habe ein gespaltenes Verhältnis zu Falafel. Vorgeformt, abgestanden, überfrittiert, schwer im Magen liegend und ohne besonderen Effet – so habe ich die Kichererbsenbällchen nach oft langen Nachtausflügen in Erinnerung. Außer dem Gefühl nach den vielen Flüssigkeiten endlich etwas im Magen zu haben, blieb von ihnen – zumeist in Teigtaschen mit Salat und Sauce verabreicht – oft nicht so viel Gutes zurück. Meine Skepsis war also groß, als ich neben dem fragwürdigen Adonis einen weiteren „Falafel-Laden“ auf der Torstraße aufsuchte. braucht man den?
„yarok – syrische Küche aus Damaskus“. Die Leuchttafel verkündet dies mit dezenten grünen Schreibschrift-Lettern auf weißer Leuchtfläche. Vor einiger Zeit stand hier noch „Falafel-Ufo“ oder sowas ähnliches. Nun also nur noch „yarok“. Und daneben: „Falafel“. Was auch immer „yarok“ heißt - das sitzt. Das passt gut zum elegant daherkommenden Nachbarlokal Toca Rouge.
Innen drin geht’s dann schon deutlich bunter zu. Billige Retro-Tapeten umzingeln die neun Tische. Darüber konkurrieren grün, gelb, orange getupfte Wände – mit einigen Ornamenten und ähnlichem Mumpitz versehen - um die Farbhoheit im Raum. Authentisch ist das nicht. Schön ebenso wenig.
Der Gastgeber ist ein ruhiger, aufmerksamer Herr. Liebevoll pflegt er die mit allerlei Pasten, Gemüse, Salaten versehene Auslage. Er freut sich über jeden Gast. Denn der Laden ist oft leer. Brummen geht anders. Da ich zunächst der einzige Besucher bin, nimmt er sich Zeit und erklärt die Details der Karte. Er teilt mir mit, welche syrischen Spezialitäten es jenseits des laminierten Vierseiters gibt. Einen Großteil der Gerichte findet man auch in libanesischen Lokalen. Der besondere syrische Touch der Speisen erschließt sich nicht. Dennoch: Die Karte ist schön komponiert. Es gibt viele Vorspeisen, eine Fülle vegetarischer Gerichte und –explizit erwähnt – auch die Möglichkeit einen Großteil der Mahlzeiten vegan zubereitet zu verzehren. Brauch ich zwar nicht. Trotzdem gut. Das Ganze wird begleitet von etwas nervig dahin dudelndem Arab-Pop, der in seiner Künstlichkeit zur postmodernen Wandbemalung oder zur Möchtegern-Stilvollen-Retro-Lampe aus irgendeiner Billigmöbelbude passt.
Ich lasse mich vom Ambiente nicht beirren. Denn die Speisen klingen verheißungsvoll: Neben Halloumi, Falafel, Taboullieh gibt’s auch CousCous mit Rind und Minze, mit Ziegenkäse gefüllte Teigtaschen, frische Säfte, jede Menge Teesorten und Suppen nach Art des Hauses.
Malva-Suppe
Auf Empfehlung des Hausherrn wird zunächst eine kleine Malven-Suppe (3 Euro) geordert. So ähnlich wie Spinat sei dies, sagt der Chef. „Sehr besonders“. In der Tat. Die etwas bräunliche Suppe besteht vor allen Dingen aus getrockneten Blättern der Gemüsenmalve. Ergänzt durch getrocknete Limettenblätter und ein wenig Koriander entfalten diese einen herrlich würzigen Geschmack mit einer leicht säuerlichen Note. „Falls es nicht schmeckt, können Sie das ruhig sagen, dann nehme ich die Suppe zurück“, schickt der Gastgeber – etwas demütig – vorweg. Ein netter Zug. Aber nein: Diese „Arme Leute“-Suppe – wie mir die Netzrecherche verrät - erwies sich als durchaus reich an Aromen und als sehr besonders. Auch die darin etwas hilflos umher schwimmenden Kartoffelstreifen machen sich umhüllt von Malvenblättern und getränkt in der braunen Brühe sehr gut. Ob ich meine, er solle die Suppe mit auf die Karte nehmen, fragt mich der Küchenchef nachdem er meine Begeisterung bemerkt hat. Klares Urteil: Unbedingt. Das gibt’s nur selten. Und bei „yarok“ gibt’s das besonders gut!
Vegetarische Mix-Platte
Also ehrlich: Eines der vielleicht überflüssigsten Gerichte auf libanesisch-syrischen Speisekarten ist Schawarma. Wozu dieses oft trockene wenig gewürzte uncharakteristische Fleisch wenn doch die Karte so eine Fülle wirklich gut komponierter vegetarischer Speisen bietet? Wozu so einen Libanon-Döner, wenn es die würzigere charakteristischere Kräuter-Scharf-Variante ein paar Schritte weiter beim Türken des Vertrauens auf die Hand gibt? Dann schon lieber Falafel. Und das soll schon was heißen. Kurzum: Ich entschied mich schnell für die vegetarische Mix-Platte (6,50). Die Schawarma-Tüten sollen sich andere greifen. Stattdessen erfreute mich ein fast tischfüllender weißer Teller syrischen Allerleis – straight from Damaskus. Gemüse-Puffer, Kartoffelstreifen, Hummus, Taboulieh, Salat, Auberginenmus, CousCous-Salat, Blumenkohl, gebratene Zucchini-Streifen, eine Spinatrolle, zwei frische schmackhafte (!) Falafel – die Mix-Liste ist so lang, dass ich bestimmt noch etwa vergessen habe.
Nun heißt viel ja nicht immer gut. Die yarok-Kreationen sind aber allesamt – bis vielleicht auf den etwas trockenen CousCous-Salat – sehr frisch und schmackhaft. Statt nach Frittenfett schmecken die Falafel durch und durch würzig. Ich meine sogar ein wenig Minze darin zu kosten. Der Hummus ist leicht säuerlich, nicht zu ölig und wurde noch mit ein paar Nusssplittern angereichert - genau richtig. Das Gemüse schmeckt gut gegart und nicht wie so oft überbraten. Meine Brotfitzel ziehen Kreuze, Kreise, Kringel über die Porzellanfläche. Der Magen füllt sich. Das Interieur wird Nebensache. Das Essen ist frisch. Es ist gesund. Es ist vielseitig. Es ist sättigend. Es schmeckt.
Frischer Minze-Tee
Nach diesem üppigen Mahl gibt’s zum Glück keinen Nachtisch mehr bei yarok. Dafür versteht sich der Laden dann doch wohl zu sehr als Imbiss. Dessertaffin ist alleine das arabische Gebäck für einen Euro. Ich entscheide mich aber lieber für frischen Minz-Tee. „Frischer Minz-Turm“ hätte wohl besser auf der Karte stehen sollen. Denn der Tee ist ein weit über das Glas hinausragender Turm übergroßer Minzblätter übergossen mit heißem Wasser und ergänzt durch einen Scheibe Zitrone. Das sieht nicht nur gut und gesund aus, sondern tut auch noch selbiges. Angereichert wird dies durch ein frisches Teilchen Sesam-Gebäck. Also doch Dessert. Allein für diesen Tee (1,50 Euro) lohnt es sich yarok einen weiteren Besuch abzustatten.
Mittlerweile befinden sich auch einige weitere Gäste an den Tischen. Ein Stammgast, der nicht mehr ordert, sondern nur sitzt und wartet bis „was kommt“, ein tuschelndes Pärchen und drei Teenie-Mädchen, die – als sie erfahren, dass Malven-Suppe-to-go eher schwierig werden könnte, sich doch für Falafel auf die Hand entscheiden. Ich weiß nicht ob es an meiner unbeirrbaren Präsenz im yarok liegt, dass ein paar Pendler hereinschwirren – es muss ja immer erstmal jemand da sein, bevor ein Laden interessant wird - aber es scheint ein wenig Leben in die Bude zu kommen. Den Betreibern sei dies gegönnt. Habe ich sonst in Sachen libanesischer Kost nix über den „Babel-Teller“ ein Stückchen weiter nördlich auf der Kastanienallee kommen lassen, muss ich nun klar sagen: Der yarok-Teller macht dem „Turm von Babel“ ernsthafte Konkurrenz. Syrien ist noch nicht verloren. Ganz im Gegenteil: Damaskus glänzt.











